Beiträge, Nachruf, Prof. Dr. Kurt R. Leube

 

Der klassische Liberalismus hat einen grossen Denker verloren. Anthony de Jasay ist am 23. Januar 2019 nach schwerer Krankheit im Alter von 94 Jahren in der Normandie verstorben.

 

Ein Nachruf von Kurt R. Leube (ECAEF, Vaduz)

 

“A first step to an adequate understanding of the state is to think about an environment without one.”  Anthony de Jasay

1925 bei Aba, einer kleineren Siedlung in der Nähe von Szekesfehervar in den ungarischen Landadel geboren, studierte Anthony de Jasay Landwirtschaftsökonomie an der Universität Budapest. Unmittelbar nach der kommunistischen Machtübernahme in Ungarn floh er 1948 zunächst ins österreichische Burgenland und schlug sich dann in den grauen Nachkriegsjahren, meist in und um Salzburg zwei Jahre lang mit Gelegenheitsarbeiten mehr schlecht als recht durch. 1950 gelang ihm schliesslich die Auswanderung in den Westen Australiens nach Perth, wo er an der dortigen Universität (University of Western Australia) das Studium der Wirtschaftswissenschaften beginnen konnte. Der Gewinn eines Hackett-Studentenstipendiums ermöglichte es ihm 1955, seine Studien an der Oxford University fortzusetzen.

Der Klarheit seines Denkens und seines Ausdrucks war es zu verdanken, dass er am dortigen Nuffield College schon bald zum Research Fellow gewählt und ihm eine Forschungsposition für die nächsten 7 Jahre garantiert wurde. Während dieser Zeit entstanden eine ganze Reihe theoretischer Arbeiten, die in den wichtigen akademischen Zeitschriften der Disziplin erschienen. Von der eher konservativen Atmosphäre Oxfords unbefriedigt, entschloss sich de Jasay die Universitätslaufbahn aufzugeben und begann 1972 in Paris zunächst als unselbstständiger Investmentbanker im Bankwesen zu arbeiten. Schon nach kurzer Zeit gelang es ihm sich selbstständig zu machen und war in eigener Verantwortung bald so erfolgreich, dass er sich ab 1979 in die Abgeschiedenheit der Normandie zurückziehen konnte. Dort lebte er seit 40 Jahren als “Privatgelehrter” mit seiner Frau Isabelle und widmete sich, trotz seines schweren Augenleidens, das in den letzten 10 Jahren zu seiner fast vollständigen Erblindung führte, fast ausschliesslich seiner Arbeit an den Problemen der Sozial- und der politischen Philosophie.

 

Auf Grundlage einer soliden Erkenntnistheorie ging es Anthony de Jasay dabei im Wesentlichen darum, den politischen und wirtschaftlichen Liberalismus neu zu formulieren. Für ihn ist das Individuum prinzipiell in seinem Handeln frei, solange es keine begründbaren Einwände gibt. De Jasays Sozialordnung beruht somit auf privatem Eigentum, auf freiwilligen Vertragsbeziehungen, der individuellen Verantwortung und auf der persönlichen Reputation, die sich aus dem gegenseitig begründeten Vertrauen ergibt. Mit scharfer Logik weist er damit die Denkfehler jener politisch zündenden Philosophien nach, die den Staat als allwissende und notwendige Instanz zur Durchsetzung eines vagen “öffentlichen Interesses”, einer undefinierten “sozialen Gerechtigkeit”, oder gar vermeintlich “gerechtfertigter Bedürfnisse” sehen.

 

Obwohl das fortschreitende Nachlasssen seiner Sehkraft sein Arbeitstempo stark beeinträchtigte, hat uns de Jasay neben ungezählten Essays rund ein Dutzend grosser, richtungsweisender Bücher hinterlassen. Viele seiner Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen u.a. “The State” (1985), “Choice, Contract, Consent” (1991), “Against Politics” (1997), “Justice and its Surroundings” (2002) oder “Political Economy, Precisely. Essays on Policy that Does not Work, and Market that Do” (2009).

 

Wenn auch vom internationalen akademischen Establishment meist schändlich zur Seite gedrängt, zählte Anthony de Jasay doch zu den innovativsten, interessantesten und konsequentesten Denkern der Gegenwart. Er gehörte zu jener kleinen Gruppe grosser Philosophen, die sich kaum je selbst zitierten oder ihre Einsichten in neuen Texten wiederholten. Die innere Konsistenz seiner Ideen, die zwingende Logik und ehrliche Wissenschaftlichkeit, aber auch die Klarheit seines Ausdrucks sind unerreicht. De Jasay’s elegante Haltung, sein liebenswertes Wesen, und sein feiner Humor sind Legion. Als Mensch kam er dem Ideal des ‘gentleman’ gewiss so nahe, als es Menschlichkeit erlaubt.

 

In der ECAEF-Buchreihe sind unter dem Titel “Liberale Vernunft, Soziale Verwirrung” ein grosser Teil seiner deutsch erschienenen Essays vereint. Diese Sammlung wurde ihm 2008 in Freundschaft und Dankbarkeit gewidmet.

 

Dieser Nachruf ist ursprünglich erschienen auf der Website des ECAEF.

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